Die 120 Tage von Sodom

Salò o le 120 giornate di Sodoma

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Murillo
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Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Murillo »

Bild
Die 120 Tage von Sodom (Salò o le 120 giornate di Sodoma)

IT 1975
R: Pier Paolo Pasolini
D: Paolo Bonacelli, Giorgio Cataldi, Umberto Paolo Quintavalle, Aldo Valletti

"Der Film spielt in der „Italienischen Sozialrepublik“, der sogenannten Republik von Salò, einem faschistischen Marionettenstaat im vom Deutschen Reich besetzten Norditalien. Vertreter des untergehenden Regimes, die als moralisch und sexuell verkommen beschrieben werden, halten adoleszente Männer und Frauen, die teilweise gewaltsam entführt wurden, mit Waffengewalt in einem Anwesen gefangen, um an ihnen hemmungslos ihre Triebe und Macht auszuleben. Die Behandlung der Gefangenen nimmt im Laufe der Zeit immer extremere Formen an, so bekommen sie Kot zu essen und werden wie Tiere an der Leine geführt..."
(http://www.wikipedia.de)


Eigentlich wollte ich mir ja "500 Days of Summer" ansehen, den ich schon seit Jahren bei mir rumliegen aber noch immer nicht gesehen habe. Da habe ich mich dann aber irgendwie vertan und bin dann hier gelandet. :mrgreen:

Aber mal im Ernst, welche Motivation könnte jemand haben, sich diesen Film anzusehen?
Ich fand es immer interessant, mit welcher Vehemenz diejenigen, die den Film gesehen haben, ihn entweder total verissen oder auf Grund seiner mutigen Deutlichkeit und pädagogischer Bedeutung oder was auch immer bejubelt haben. Irgendwie so ähnlich wie bei "Uhrwerk Orange" oder "Kids", aber doch in einer ganz anderen Qualität.
Daher wäre es einem seriösen Filmforum wie dem unseren angemessen, wenn sich mal jemand bereit erklären würde, sich diesem Film auf objektive Weise anzunähern. ich habe mich hiermit geopfert, gut gefrühstückt und den Film im zweiten Anlauf komplett auf italienisch mit englischen Untertieln angesehen.

Stilistisch gesehen hat der Film durchaus einiges zu bieten. Die Kameraarbeit ist allererste Sahne und man weiß hier ganz genau, wie man mit Farben und Kontrasten so umgeht, dass sie den Inhalten des Filmes mal zuwiederlaufen, oder sie auch mal entsprechend unterstützen. Der Soundtrack (Ennio Morricone) passt sich dem auf gelungene Weise an und auch die Schauspielarbeit ist an einigen Stellen wirklich sehenswert. An der Aufmachung wurde hier also keineswegs gespart und alleine auf Grund dessen wäre es vermessen, diesen Film als billigen Trash-Film darzustellen, wie es viele gerne sehen würden.

Die Handlung ist im Ansatz durchaus interessant und hätte sogar viel mehr Potential gehabt, wenn Pasolini hier etwas weiter ausgeholt hätte und sich nicht so einseitig auf die Täter-Opfer-Phantasien beschränkt hatte. Darüber kann man aber natürlich streiten. Auf diese Weise kann man Pasolini natürlich, meiner Meinung nach auch zu Recht, vorwerfen, dass er die Handlung lediglich als Hintergrundkulisse für diese Phantasien missbraucht hat.

Was hier allerdings wirklich mehr als grenzwertig ist, ist die - freundlich formuliert - konsequente und - weniger freundlich formuliert - übertrieben voyeureuse Darstellung der Phantasieauslebung. Diese findet sowohl auf der visuellen, als auch auf der psychischen Ebene statt, was einem den Film ganz besonders schwer ertragen lässt.

Im Großen und Ganzen wundert es mich irgendwie nicht, dass es Gerüchte gibt nach denen Pasolini auf Grund dieses Filmes ermordet worden sei. Er wurde angeblich von irgendwelchen Faschisten erpresst, nachdem man Bänder dieses Filmes entwedet hatte und später mehrmals überfahren am Hafen von Rom aufgefunden. Die Umstände konnte aber nie geklärt werden. Und das noch vor der Uraufführung.
Es fällt mir schwer, ein abschließendes Urteil zu diesem Film zu bilden und ich kann hier sowohl die Kritiker, als auch teilweise die Befürworter verstehen, möchte mich aber auf keine Seite festlegen. Wer kein Problem damit hat, tagelang Albträume zu haben, kann sich diesen Film gerne mal ansehen, denn er hat seine Bedeutung in der Filmgeschichte durchaus verdient, sollte sich aber vorher darüber im Klaren sein, womit er es hier zu tun hat.


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Damien3
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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Damien3 »

Ein absolut geiles Cover!
Hab ich bie gesehen..wüsste auch nicht wie-)))


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"Warum gehen sie nicht in die Ecke zurück und schauen weiter?"
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Detlef P.
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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Detlef P. »

Das Cover sieht wirklich geil aus.
Aber ich denke, dass ich den Film wohl auch niemals ansehen werde.
Mit diesem voyeuristischen Kram habe ich es ja ueberhaupt nicht. Habe deswegen ja auch kein Bock mir diese Torture-Porn-Filme anzusehen. Dass der technisch betrachtet gut sein soll, kann ich mir durchaus vorstellen. Ich habe vor Jahren mal Pasolinis "Das 1. Evangelium Matthäus" gesehen und war davon extrem beeindruckt. Die beste Bibel-Verfilmung, die ich je gesehen habe. Trotzdem ist dieser Film hier nichts fuer mich.
Es ist jedoch schoen zu sehen, dass Du Dich fuer uns geopfert hast und ein Leben voller Neurosen, Alptraeume und Paranoia vor Dir haben wirst. Ich wuensche dabei jetzt schon viel Spass und Vergnuegen.


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Murillo
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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Murillo »

Ja, das Cover ist klasse. :xmas:

@ Damien: Es gab mal im Mediamarkt so eine tolle Pasolini Collector's Box. Kann mir aber auch gut vorstellen, dass der Film darauf geschnitten ist. Ansonsten halt über die anderen Kanäle (Schulhof). Bring aber vorher die Kinder weg, wenn Du Dir den Film anschaust.

"Voyeuristisch"... nach dem Wort habe ich gesucht ("Voyeureus" klang von Anfang an irgendwie komisch). Das trifft es eigentlich ganz gut.
Ich geh jetze in Therapie, nüüüääääh...


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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Johnny-le-Fou »

Mitlerweile, nach mehrmaligem sehen einer meiner Lieblingsfilme! Und seit letztem Jahr auch eines meiner Kino-Highlights. War echt großartig den mal auf Leinwand zu sehen! Mein Freund war ebenfalls absolut begeistert und wir haben Stunden danach noch über den Film diskutiert. Genau das ist vielleicht das tolle an dem Film. Man ist quasi gezwungen sich mit ihm auseinanderzusetzen. Der lässt wirklich keinen kalt. Jeder den ich kenne, der den Film gesehen hat, hat wohl noch lange darüber nachgedacht. Und die Reaktionen reichten von "geniales, abgründiges Meisterwerk" bis hin zu "vollkommen abartig, krank und pervers... wie kann man sich sowas nur (komplett) ansehen?". Nur die Gruppe von Anfang-20-Jährigen hinter uns hat den Film wohl komplett missverstanden und eher einen Schocker a la "Hostel" oder so erwartet. Ich meine, ich muss bei dem Film auch an einigen Stellen lachen, weil sie so herrlich grotesk wirken, aber die haben wirklich immer an den unpassendsten Stellen gelacht und immer laut "iiihhh"- und "baaahhh"-Kommetare von sich gegeben. Na ja, aber egal, mit sowas muss man bei so einem skandalträchtigen Film wohl rechnen.


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Murillo
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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Murillo »

Du hast Recht. Wenn man dem Film eines ganz und gar nicht vorwerfen kann, ist es dass er keinen bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Ich habe viel zu viele Filme gesehen, an die ich mich gar nicht oder nur sehr vage erinnern kann. Das wird mit "Salo" garantiert nicht passieren. Ich war immer ein großer Fan von Filmen, die polarisieren, und eben dadurch, dass sie provozieren eine Debatte auszulösen im Stande sind. Allerdings plane ich nicht, mir den Film hier erneut anzusehen. Damit ich ihn mir im Kino ansehe, müsste man mich schon an den Sessel fesseln und meine Augen mit irgendwelchen Klemmen fixieren.


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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Detlef P. »

Ich tröpfel Dir dann Wasser in die Augen und spiele den guten alten Ludwig van dazu.
Sag bescheid, wann Du Zeit hast :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:


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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Johnny-le-Fou »

Komischerweise habe ich bei dem Film eigentlich gar kein Problem ihn mir anzusehen. Vielleicht eben weil er so drastisch und direkt ist. Ich finde so psychologisch abgründige Filme da eigentlich viel schlimmer. Es muss wirklich gar kein Blut fließen, aber trotzdem gehen sie tief unter die Haut und hinterlassen Narben auf der Seele. "Wie in einem Spiegel" von Bergman ist für mich zum Beispiel so ein Film. Meine Güte ist der intensiv! Der hat mich damals komplett fertig gemacht und ich war noch Tage danach einfach nur verstört und depremiert. Oder "Der siebente Kontinent" von Haneke. Und dabei passiert hier, ungewöhnlicherweise (für Haneke), so ziemlich nichts an graphisch dargestellter Gewalt. Aber das sind so Filme, wo ich mir vorher lange überlegen müsste, ob ich sie mir tatsächlich noch einmal ansehe, auch wenn ich sie beide absolut genial fand, eben weil so unglaublich intensiv auf meine Psyche gewirkt haben.


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Lorraine
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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Lorraine »

Ich habe mir den Film jetzt teilweise auf der Tube angesehen (mich wunderts ja dass man den da abrufen kann) in englischer Übersetzung, und mich hat das was ich gesehen habe schon... irritiert? Verstört? Heftig trifft es wohl...
aber ich hätte jetzt auch keinen Larifari-Film erwartet.


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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Lorraine »

Merkwürdigerweise gibt es den offiziell auf der Tube.
Ich habe nicht alles gesehen, aber das was, hat mir gereicht....


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Detlef P.
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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Detlef P. »

So, ganz exklusiv (naja, fast!) die Nachricht, dass dieser Film tatsächlich nicht mehr indiziert ist und ab sofort frei verkauft werden kann.
Na, DAS ist doch mal eine schöne Weihnachtsüberraschung für uns alle zum ersten Adventstürchen des Jahres :xmas:

https://www.schnittberichte.com/news.php?ID=19180


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Re: Die 120 Tage von Sodom

Beitrag von Murillo »

Mein Wort zum Sonntag:
Wenn der Film nicht indiziert ist, kann man den Quatsch mit den Indizierungen auch gleich ganz lassen. Jugendschutz my ass. :lol:


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